Reviews

Die Begriffe meinen eigentlich Gegensätzliches: Das Unisono ist das im Einklang gleichlaufende Spiel zweier Stimmen, die Polyphonie hingegen das kunstvolle mehrstimmige Gegen- und Miteinander. Aber gewiss kann man das auch dialektisch behandeln und dann entsteht daraus eine musikalische Gratwanderung: eine Linie, die sich ständig auffächert – mit Absturzgefahr. In der komponierten Musik, etwa bei Pascal Dusapin, Walter Feldmann, Kate Soper oder Eric Wubbels, finden sich spannende Versuche, damit umzugehen. Hier nun wird es improvisiert: Der Klarinettist Markus Eichenberger und der Saxophonist Christoph Gallio suchen die gemeinsame Linie, finden sich manchmal sogar auf einer bekannten Melodie und verlassen sie wieder. Mal subtil, mal hartnäckig oder querständig umspielen sie das Gemeinsame ständig aufs Neue, mikrotonal, klangfarblich, phrasierend, rhythmisch, harmonisch – da gibt es unzählige Möglichkeiten! Das, den beiden zuhörend, zu erkunden, ist eine fruchtbare und vielfältige Erfahrung. Und sie führt denn gelegentlich auch ins Unvorherhörbare– fernab von meditativer Bodennähe, ständig auf dem Seil.
Thomas Meyer (Jazz’N’More, September 2022)

Unison Polyphony features two renowned Swiss players, Markus Eichenberger on clarinet and Christoph Gallio on saxophones. Considering that both were born in 1957 and first played together in the ’80s, it is somewhat surprising that this is their first recording together. However, given the instruments they play, it is less surprising as duos of reed instruments are scarce. Yes, The International Nothing duo of Kai Fagaschinski and Michael Thieke on clarinets springs to mind as does the bass clarinet pairing of Katie Porter and Lucio Capece. While saxophones and clarinets frequently play together in larger ensembles, Eichenberger and Gallio seem to be breaking new ground here… 
Studio-recorded in Baden, Switzerland, over two June days in 2020, the album comprises ten tracks with a total running time of forty-one minutes, the shortest track lasting thirty-five seconds, the longest eight-and-a-half minutes. All are duos with the sole exception of the seventy-eight second „Update“ on which Gallio plays alone. As the sleeve notes point out, this is neither a supportive duo, in which one player backs another, nor a conversational duo, where the players call and respond, reacting to one another. Instead, the two both play throughout, with occasional gaps, clearly aware of one another’s playing without copying it or getting in one another’s way. Much of the time they play improvised melodic phrases which are easy on the ear and make pleasurable listening. 
Consequently, the album title Unison Polyphony is something of an oxymoron as its two words rather contradict each other. Yes, there is polyphony as the two independent melodic lines complement one another. However, the two lines are never close enough to each other to be described as in „unison.“ The sleeve notes try to get around this by arguing that 1+1=1, meaning that the two instrumental lines combine into one. With one being saxophone and the other clarinet, that does not really hold water. Putting such pedantry aside, and judging the album on its music rather than its title, Unison Polyphonyis an undoubted success, to the extent that we must hope this twosome records again soon.
John Eyles (All About Jazz, Oktober 2022)

Warum nicht, schließlich sind beide sogar vom gleichen Jahrgang 1957, und Eichenberger als Atemkettensprenger, Tuttriebtäter und Werckmeister teilt mit Gallio sowohl dessen in cooler und eleganter Sophistication mit Day & Taxi ausgestaltetes Formbewusstsein als auch den ebenso ausgeprägten Freisinn. Wie sie da uni- und poly- als Insichwiderspruch in Wohlgefallen auflösen, brachte Art Lange in seiner Linernotelaudatio dazu, ihnen Max Bills Konkretisierung des Abstrakten, Gertrude Steins worthafte Objektivierung von Mysteriösem jenseits von Meaning und Motivation und Thomas Carlyles Vordringen zur Melodie als Seele und inmost heart of things zuzuschreiben. Und summa summarum die Formel 1 + 1 = 1 als ihr spezieller Trick, Ideen hörbar zu machen, ja selbst die Gedanken einer Katze (‚How Does My Cat Think‘). Im Einklang von Klarinette und Sopranosaxofon, tutend, in Wellen, in gesummten Kürzeln, mit offenen und öfters doch verstopften Rohren. Mühsal und Gesang, Eulen- und Kinderliedgesang, gedämpfter, sonorer und quäkender Gesang, das liegt da ganz eng beieinander. In geteiltem Atem, geteilter Stimmung, so sehr, dass das Unisono keiner Absprache bedarf. Brüderlich verzahnt erklingen auch die hellen, quiekenden und schrillen Spitzen und Kräusel. Die unheimlichen Uuus von ‚Strange Cave System‘ durchlaufen sie, auch wenn ihnen manchmal die Spucke wegzubleiben droht, Hand in Hand, geleitet von Melodieresten und Erinnerungsspuren. Dem Labyrinth entronnen quäken sie hellauf, singen sie Du da, da Du… Gallio fiept und krächzt Fitzel zu Eichenbergers zagem Piepen und Tuten, ah, sie überqueren ‚A Walkable Swamp‘ und da geht ihnen die Muffe. Doch zuletzt finden die beiden ihr Gleichgewicht wieder mit zwischen dissonant und unison balancierenden Tönen. Und was war nochmal daran abstrakt?
Rigobert Dittmann (Bad Alchemy 111)

Voilà un bien curieux antagonisme. En variant légèrement la hauteur, la dynamique et le timbre de leurs notes à l’unisson, les deux souffleurs instaure une curieuse polyphonie minimaliste. À l’écoute, on dira qu’il s’agit d’une démarche conceptuelle, mais les titres des 10 morceaux révèlent leur état d’esprit empreint d’une forme de détachement descriptif : New Ways, When the Day is Short, When the Day is Long, How To Sleep Better, How Does My Cat Think, Strange Cave System, Gift of The Artists, Update, A Walkable Swamp, The Balance of a Clay Figure, quasi tous aussi non-sensiques. Une musique improbable défile, poseuse de questions, ignorante des réponses, traitant le son en dégradé avec de longues notes tenues parsemées de silence, notes qu’ils décalent minutieusement par un heureux hasard avec de timides pas de côté, entretenant un son diaphane et des légers et curieux hoquets parsemés de fragments de phrase. Plusieurs des 10 morceaux s’interrompent par surprise et s’immobilisent au bord du silence. Travail sur la dynamique. Le dialogue s’imbrique petit à petit au hasard d’un des morceaux et disparaît pour laisser place à cet Unison, suave idée fixe du projet. Une narration intuitive à propos de tout et de rien qui change nos habitudes et suggère une Polyphonie imaginaire dont quelques éléments s’invitent subrepticement dans le décor. La virtuosité si chère aux poids lourds du saxophone et de la clarinette est évacuée au profit d’une leçon de chose somme toute poétique et improbable.
Jean-Michel Van Schouburg (Orynx – improvandsounds, November 2022)

«New Ways» verspricht schon das erste Stück dieses Duo-Albums, das eher in die Sparte Neue Musik als in die Sparte Jazz fällt. Es enthält zehn frei improvisierte Stücke, die den kontradiktatorischen Titel konsequent umsetzen: Bald erklingen die beiden Blasinstrumente unisono, in gleichlaufendem Spiel, dann bewegen sie sich in verschiedenen Richtungen: auseinander, gegeneinander – um da und dort zu einem überraschenden Miteinander zu finden, bisweilen sogar zu einer bekannten Melodie. Das ist für den Hörer erhellend, aber auch anstrengend: Die Musik, die mit allen Schattierungen der Klangfarbe und Phrasierung spielt, die sich den beiden Instrumenten entlocken lassen, und auch die Bereiche des Mikrotonalen auslotet, sucht das Unerwartete und vermeidet das Eingängige. Weit entfernt ist sie von den kulinarischen Qualitäten oder sedierenden Wirkungen, die meditative Musik haben kann. Fazit: Ein Exerzitium für Unerschrockene.
Manfred Papst (Jazzpodium Oktober 2022)

Großartig! Ganz wie Ornette Coleman sagte – Verschiedenes und trotzdem im unisono. Klangforschung und vor allem Gestalt.
Bert Noglik

A lovely recording, ‚Unison Polyphony‘ from Markus Eichenberger (clarinet) and Christoph Gallio (soprano & C-melody saxophones.) Think of a neighborhood about halfway between The International Nothing and a lost, highly restrained Braxton/Mitchell outing from the 70s–really enjoyable.
Bryan Olewnick (facebook)